„Unternehmen mit traditionell hohen Dividendenrenditen sind keine Seltenheit“

Für viele Aktionäre ist die Dividende eine echte Alternative zur Überbrückung von ausbleibenden Kursgewinnen. Betrachtet man nun die jährlichen Dividendenrenditen von 2% bis 5% zusätzlich vor dem Hintergrund einer vermutlich noch länger andauernden Niedrigzinsphase, so erscheint es durchaus sinnvoll sich intensiver mit der Aktionärspolitik von Unternehmen zu beschäftigen. Wie soll man nun vorgehen?

Wer es sich leicht macht, geht online und sucht nach den Aktien mit den höchsten Dividendenrenditen. Wer nicht gleich in die erstbesten Treffer der Google-Anzeige investieren möchte, kann sich über zahlreichen Börsenplattformen informieren und Aktien gezielt nach eigenen Suchkriterien filtern. Bei dieser Vorgehensweise stößt man früher oder später auf Aktien, die mit hohen und scheinbar nachhaltigen Dividendenrenditen von 6%, 7% oder sogar 8% angepriesen werden.

Wer sich die Ausschüttungsrenditen der Automobil- oder Ölindustrie der letzten Jahre in Erinnerung ruft, der weiss, dass solch hohe Dividenden keine Ausnahme darstellen und längerfristig die Regel sein können. In diesen Fällen sollte man sich als Investor aber immer die Fragen stellen: „Warum/ seit wann/ wie lange noch schüttet das Unternehmen seinen Aktionären solch hohe Dividenden aus?“, bevor man sich letztlich für den Kauf entscheidet.

„Eine fundamentale Analyse des Unternehmens und seiner Wachstumsperspektiven sind unabdingbar für einen Dividendeninvestor“

In aller Regel beteiligen Unternehmen ihre Aktionäre erst dann am Gewinn, wenn sie sich am Markt etablieren konnten und die fetten Jahre des Wachstums allmählich ausklingen. Geänderte Gewohnheiten der Konsumenten (z.B. gesündere Ernährung) oder politische Vorgaben (z.B. CO2 Reduzierung) können diesen Prozess beschleunigen. Ein informierter Investor erkennt frühzeitig, wenn ein Unternehmen von der Wachstums- in die Reifephase übertritt und erwartet dann verständlicherweise eine höhere Dividende als Renditeausgleich für das abflauende Unternehmenswachstum. Nach vielen Jahren erfolgreicher Dividendenpolitik, ist es die Kunst des Dividendeninvestors festzustellen, ob es sich ein Unternehmen auch langfristig leisten kann eine Dividendenrendite von 6 % (oder mehr) an seine Aktionäre zu bezahlen.

Ein Blick auf das Zahlenwerk und den Geschäftsbericht eines Unternehmens kann hier Abhilfe leisten. Denn jedes Management muss bei seiner Entscheidung über die Höhe der Dividende diverse andere Faktoren berücksichtigen. Die Rückzahlung von Krediten, notwendige Investitionen, oder der Rückkauf eigener Aktien kann Dividendenzahlungen limitieren. Insofern ist es wichtig, neben der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung den Kapitalfluss eines Unternehmens näher zu durchleuchten.

„Politische und wirtschaftliche Externalität beeinflussen die unternehmerische Freiheit zur nachhaltigen Dividendenzahlung“

Wer vor rund zehn Jahren in den Automobilsektor investiert hatte mit dem Fokus jährlich hohe Dividenden zu kassieren, dürfte sich in seiner Entscheidung bestätigt sehen, da die kumulierten Dividendenzahlungen in diesem Zeitraum die enttäuschende Kursentwicklung der letzten Jahre mehr als ausgleichen konnten. Spätestens seit dem „Dieselskandal“ sieht sich die Branche jedoch mit gestiegenen Entwicklungskosten für Elektromobilität konfrontiert, was den Dividendenspielraum für das Management in den letzten Jahren erheblich einschränkte. Ein Investment in den Automobilsektor vor rund fünf Jahren dürfte die Erwartungen der Aktionäre hingegen enttäuscht haben und mündete in den vergangenen beiden Jahren zudem in einer gekürzten Dividende. Ein frühzeitiger Blick hinter die Kulissen der Unternehmen hätte womöglich erkennen lassen, wie es um die nachhaltige Fähigkeit zur Zahlung hoher Dividenden tatsächlich bestellt ist.

Auch in der Ölindustrie zahlt man seit vielen Jahren überdurchschnittlich hohe Dividenden. Spätestens seit dem Ölpreissturz vor wenigen Jahren dürfte deren Dividendenpolitik hart auf Kante genäht gewesen sein und sollte den Investoren zu denken gegeben haben. Der neuerliche Ölpreissturz vor wenigen Wochen hatte im Ölsektor das Fass zum Überlaufen gebracht, sodass auch traditionsreiche Dividendenzahler der Branche zu Einschnitten in der Ausschüttungspolitik gezwungen waren. Wer in Dividendenaktien investieren möchte, sollte sich daher dem vorhandenen „Puffer“ bzw. dem Spielraum des Unternehmens bei der Dividendenausschüttung bewusst sein, um keine negativen Überraschungen zu erleben.

„Die Fähigkeit eines Unternehmens, nachhaltig Dividenden zahlen zu können, sollte man realistisch und durchaus kritisch hinterfragen“

Neben dem Blick auf die Finanzzahlen eines Unternehmens bedarf es für den Dividendenanleger natürlich einer gewissen Fähigkeit, die Nachhaltigkeit von Geschäftsmodellen realistisch einzuschätzen, was ohne Frage zu einer der schwierigsten Disziplinen des Investors zählt. Gerade jetzt zu Zeiten von Corona gibt es viele Unsicherheiten über die künftige Entwicklung und die langfristige Relevanz vieler Branchen und erschwert es dem Dividendenjäger eine vernünftige Beurteilung über die langfristige Entwicklung seines Zielunternehmens abzugeben.

Umso wichtiger ist es daher stets zu hinterfragen, ob eine hohe Dividendenrendite nachhaltig ist und die jährliche Dividende eines Unternehmens sich zu einem soliden und verlässlichen Renditebringer entwickeln kann.

Markus Polz, CM-Equity AG